Weltalphabetisierungstag 2015 – Dekade für Alphabetisierung ausgerufen

In einer Live-Schaltung aus dem großen Saal der Bundespressekonferenz verfolgten die Teilnehmenden der zentralen Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag, wie Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth die Nationale Dekade für Alphabetisierung in Deutschland verkündeten.
Es gehe darum, dem Thema Alphabetisierung Erwachsener noch mehr Bedeutung zu verleihen, erklärte Wanka vor den Hauptstadtjournalisten. Die Dekade sei das politische Versprechen, dieses zu tun.

Live-Schaltung mit Ministerin Wanka fotografiert von Bernhard Claßen

Live-Schaltung aus der Pressekonferenz mit Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung

Das BMBF werde in den nächsten zehn Jahren bis zu 180 Millionen Euro für die Förderung der Alphabetisierung bereitstellen. Als Schwerpunkte der Aktivitäten nannte Ministerin Wanka:
• Mehr Information und Sensibilisierung: die BMBF-Kampagne für mehr Lesen und Schreiben wird noch in diesem Jahr mit neuen Spots und Plakaten fortgesetzt.
• Leichter zugängliche Angebote: online-Angebote wie die Lernplattformen des DVV und sozialräumliche Angebote wie „ABCami – Alphabetisierung und Grundbildung in der Moschee“ werden ausgebaut
• Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung: Unternehmen werden motiviert, Grundbildung in die betriebliche Weiterbildung einzubauen – auch mit einem Unternehmenspreis für besonderes Engagement.
• Neue Forschungsansätze werden aufgegriffen, die Leo. – Studie wird fortgesetzt.

Live-Schaltung mit Ministerin Kurth fotografiert von Bernhard Claßen

Live-Schaltung aus der Pressekonferenz mit Brunhild Kurth, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und sächsische Kultusministerin

KMK-Präsidentin Kurth betonte, es müsse ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, das es Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten leicht mache, Lernangebote anzunehmen und ihre Kompetenzen zu verbessern. Ziel sei es, durch passgenaue Angebote die Hemmschwelle zur Teilnahme an Weiterbildung so niedrig wie möglich zu machen. Die Länder, so Staatsministerin Kurth, werden neben dem quantitativen Ausbau der Maßnahmen auch deren qualitative Stärkung vorantreiben.

 

Zu Beginn der Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag begrüßte Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin im BMBF, die Anwesenden und verwies besonders auf die positive Entwicklung, die die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit in Deutschland in den vergangenen Jahren genommen hat.

Kornelia Haugg fotografiert von Bernhard Claßen

Kornelia Haugg, Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“ als Antwort auf die Zahlen der Leo. – Studie habe sich seit 2012 zu einer breiten Initiative mit unterschiedlichen Partnern aus allen gesellschaftlichen Bereichen entwickelt. Aus dieser Zusammenarbeit, so Haugg, seien zahlreiche Aktivitäten entstanden, die von den Partnern umgesetzt wurden. Das BMBF unterstütze diese Aktivitäten auch durch finanzielle Förderung. Darüber hinaus habe das BMBF seit 2007 rund 150 Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit über 35 Millionen Euro in zwei Förderschwerpunkten gefördert. Die Kampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ trage das Thema in die Öffentlichkeit und damit zur Enttabuisierung und zur Motivation Betroffener bei.

 

Als Vertreter der KMK betonte der Berliner Bildungsstaatssekretär Mark Rackles die Bedeutung der Nationalen Strategie für die Entwicklung der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit der letzten Jahre.

Mark Rackles fotografiert von Bernhard Claßen

Mark Rackles, Berliner Bildungsstaatssekretär

Die damit einhergehende Vernetzung der Länder untereinander und der Austausch über die jeweiligen Aktivitäten seien wichtige Fortschritte. Mit der Einrichtung von Koordinierungsstellen gäbe es jetzt in allen Ländern Ansprechpartner und -partnerinnen für das Thema, die finanzielle Ausstattung sei ausgeweitet worden und vieles mehr. Am Beispiel der Berliner Senatsstrategie für Alphabetisierung und Grundbildung erläuterte Rackles Umsetzungsansätze.

 

Weitere Partner der Nationalen Strategie zogen Bilanz, blickten aber auch in die Zukunft der Dekade für Alphabetisierung. Jörg Freese vom Deutschen Landkreistag verwies auf das gewachsene Bewusstsein für die Problematik auf lokaler und regionaler Ebene. Zwar gäbe es Grenzen der Leistbarkeit für die finanzielle Förderung von Alphabetisierungsangeboten, aber nicht jede Aktion in Städten, Gemeinden und Kreisen sei vom Geld abhängig. Die Vernetzung von Akteuren und die Einbindung von ehrenamtlich Tätigen hob Andreas Seiverth von der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung hervor.

v.l. Matthias Anbuhl, Jörg Freese, Andreas Seiverth, Daniel Elferich fotografiert von Bernhard Claßen

v.l. Matthias Anbuhl, Jörg Freese, Andreas Seiverth, Daniel Elferich

In der Praxis gelte es, ein breites Verständnis von Grundbildung zu vermitteln. Für die Bundesagentur für Arbeit spielten Alphabetisierung und Grundbildung in der Beratungspraxis eine zunehmende Rolle, erklärte Daniel Elferich. Mitarbeitende würden zielgerichtet geschult, dieses Thema mit Kunden und Kundinnen sensibel anzusprechen. Matthias Anbuhl vom DGB Bundesvorstand wies darauf hin, dass angesichts der Zahlen trotz erster Fortschritte noch mehr Betroffene erreicht werden müssten. Dafür bedürfe es aber auch entsprechender Angebote – und entsprechender Kursleitenden. Deren Beschäftigungsstatus und Bezahlung müsse aus Sicht des DGB verbessert werden, als eine Voraussetzung für stabile und dauerhafte Strukturen. Um noch mehr Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten zu erreichen, sollte eine Verknüpfung mit anderen Themen wie Gesundheit oder politische Bildung erfolgen.

Ellen Abraham vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung unterstützte die Forderung nach besseren Rahmenbedingungen und forderte eine Unterstützung der Selbsthilfegruppen funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten in ihrem Bemühen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Um das Thema zu enttabuisieren, müsse außerdem ein anderer Begriff als „Analphabetismus“ für die öffentliche Kommunikation gefunden werden. Für Simone C. Ehmig von der Stiftung Lesen kommt es zum einen darauf an, dem Entstehen von funktionalem Analphabetismus entgegen zu wirken, z. B. durch Initiativen wie den vom BMBF geförderten „Lesestart“ mit Angeboten für Kinder bis ins Grundschulalter.

v.l. Armin Himmelrath, Karl-Josef Wintzen, Ellen Abraham, Simone C. Ehmig, Gundula Frieling fotografiert von Bernhard Claßen

v.l. Armin Himmelrath, Karl-Josef Wintzen, Ellen Abraham, Simone C. Ehmig, Gundula Frieling

Die Dekade gäbe jetzt noch einmal Rückenwind für alle Aktivitäten, die Lust auf Lesen und Schreiben beförderten sowie die Menschen in ihren Lesenswelten erreichten, zeigte sich Ehmig überzeugt. Die Installierung von Dauerangeboten ist nach Auffassung von Karl-Josef Wintzen von der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz Landesarbeitsgemeinschaft notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Alphabetisierungsarbeit. Um die Entstigmatisierung zu befördern, regte er die Verwendung des Begriffs Basisbildung an, wie er bereits in Österreich verwendet werde. Laut Gundula Frieling vom Deutschen Volkshochschul-Verband gibt es eine Frage, die alle Partner eine: wie können mehr Teilnehmende gewonnen werden? Darauf sollten die Aktivitäten der Dekade gebündelt werden. Aufbauend auf der Nationalen Strategie als guter Basis gelte es, neue Partner zu gewinnen, kreative Ideen zu entwickeln und gemeinsam Aktivitäten in der Praxis umzusetzen. Das Ziel der Dekade, so Frieling, müsse die sichtbare Reduzierung von funktionalem Analphabetismus in Deutschland sein.

 

v.l. Josef Schrader, Wibke Riekmann, Iris Füssenich fotografiert von Bernhard Claßen

v.l. Josef Schrader, Wibke Riekmann, Iris Füssenich

Auch aus der Perspektive der Wissenschaft gab es erste Anmerkungen zur Bekanntgabe der Dekade. Wibke Riekmann von der Universität Hamburg, Co-Autorin der Umfeldstudie zu Mitwissenden, formulierte in Vorbereitung der „Leo. – 2 – Studie“ die notwendige Ausweitung der Forschung in zwei Richtungen. Einerseits gelte es, die Zielgruppen stärker als bisher zu differenzieren. Andererseits müsse der Fokus auf Elemente wie finanzielle, politische und kulturelle Grundbildung geweitet werden, um dem Anspruch an Teilhabe gerecht zu werden. Die Ablösung von Abhängigkeiten durch Schrifterwerb seien zur Motivation Betroffener zu nutzen, so Iris Füssenich von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Dabei müssten die vorhandenen und zu erwerbenden Kompetenzen (auch) aus Sicht der Lernenden in den Blick genommen werden. Für Josef Schrader vom Deutschen Institut für Erwachsenen-bildung sollte die Dekade dazu genutzt werden, auf wissenschaftlicher Ebene mehr über die Prozesse beim Lesen und Schreiben lernen im Erwachsenenalter zu erfahren. Außerdem gäbe es international viele Erkenntnisse, von denen auch in Deutschland gelernt werden könne.

 

Bereits zum fünften Mal in Folge fand die Auszeichnung der Botschafterinnen für Alphabetisierung auf der zentralen Veranstaltung zum Weltalphabetisierungstag in der Bundespressekonferenz statt. Mit Anke Grotlüschen wurde in diesem Jahr die „Mutter der leo. – Level One-Studie“ ausgezeichnet. In ihrer Video-Botschaft, mit der sie die Ehrung annahm, machte sie deutlich, dass es noch großer Anstrengung bedürfe, bis ein vorurteilsfreier Umgang mit dem Thema realisiert sei. In diesem Sinne sei sie Botschafterin für die Sache für Alphabetisierung und Grundbildung. Als eine Frau der ersten Stunde in der Alphabetisierungsarbeit wurde Iris Füssenich geehrt. In ihrer langjährigen Lehrtätigkeit hat sie viele Absolventinnen und Absolventen im Bereich Sprachpädagogik nachhaltig geprägt. Sie hat durch ihre aktive Unterstützung die Alphabetisierungsarbeit vorangebracht. Eindringlich wies sie darauf hin, Sprache nicht nur aus Sicht der Schrift, sondern auch aus Sicht des Gesprochenen zu betrachten – und damit mehr Verständnis für die Situation von Menschen mit Lese- und Schreibproblemen zu gewinnen.

 


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