Bilanzkonferenz „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung“

Am 11. und 12. Mai 2015 trafen sich in Berlin mehr als 250 Vertreter und Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungspraxis zur Bilanzkonferenz des BMBF-Förderschwerpunktes „Arbeitsplatzplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“. Sie diskutierten Ergebnisse und Erträge der 54 geförderten Projekte, die sich in sechs Fachforen und auf einer Messe präsentierten. Im Plenum wurden darüber hinaus grundsätzliche Themen der Alphabetisierungsarbeit aufgegriffen und Perspektiven aufgezeigt.

Kornelia Haugg, Bundesministerium für Bildung und Forschung


In ihrer Eröffnungsrede betonte Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin im BMBF, die gewachsene Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland. Diese gelte es auch auf die Gruppe der gering Qualifizierten auszuweiten. Die Projekte des Förderschwerpunktes „Arbeitsplatzplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ hätten hierzu mit ihren innovativen Lösungen für die Alphabetisierung Erwachsener einen wichtigen Beitrag geleistet.
Als wesentliche Aspekte der Arbeitsergebnisse stellte Frau Haugg heraus: Erstens sei die Gewinnung von Unternehmen und betrieblichen Schlüsselpersonen trotz aller Schwierigkeiten auf unterschiedlichen Wegen gelungen. Zweitens lägen erfolgversprechende Sensibilisierungsangebote vor, die sich an Fachkräfte mit Kontakt zu Betroffenen wenden. Drittens konnten auch für die Ansprache Betroffener kreative Wege gefunden werden, die Lernen ohne Scham ermöglichen. Und viertens seien Beispiele guter Betriebspraxis für die Förderung der arbeitsmarktbezogenen Grundkompetenzen entstanden. All das stehe für eine breite Nachnutzung zur Verfügung.
Angesichts von siebeneinhalb Millionen Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten bliebe trotz aller Erfolge noch viel zu tun. Das BMBFwerde das Thema auch in den kommenden Jahren auf der bildungspolitischen Agenda weiterführen und verwies auf aktuell laufende intensive Gespräche zur weiteren Ausgestaltung.

 

Matthias Anbuhl, DGB

Matthias Anbuhl, Deutscher Gewerkschaftsbund


Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB Bundesvorstand, wies darauf hin, dass die Zahlen der leo. – Level One-Studie – 7,5 Millionen funktionale Analphabeten und Analphabetinnen, 57 Prozent von ihnen erwerbstätig – auch den DGB überrascht hätten. Wenn aber mehr als 4,3 Millionen Beschäftigte Lese- und Schreibprobleme hätten, sei dies für den DGB bedeutend: Zum einen ginge es um die konkrete Bedeutung für die Gestaltung des Arbeitsplatzes. Zum anderen habe es aber auch konkrete Auswirkungen auf die Perspektiven der Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Angesichts des andauernden Wandels in der Arbeitswelt und daraus resultierender höherer Anforderungen an die Beschäftigten müssten Fragen der Grundbildung nach Auffassung des DGB Teil der betrieblichen Weiterbildungsstrategie werden. Dies sei im Übrigen auch im Interesse der Unternehmen, so Herr Anbuhl.
Aus den vielen Projekten, die im Rahmen der Tagung ihre Ergebnisse präsentierten, wolle er aus seiner Perspektive zwei Ansätze heraus greifen. Zum einen sei ein sozialpartnerschaftliches Vorgehen erfolgreich. Dabei gebe es einen Ausgleich zwischen den Bedarfen der Betriebe und den Anforderungen der Beschäftigten. Zum anderen zeige die Schaffung von Netzwerken in Betrieben aus Betriebsräten, Vertrauensleuten und ganz normalen Kollegen und Kolleginnen Erfolg.
Abschließend forderte Anbuhl eine feste Basis für das Haus der Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland. Neben den Inhalten der Weiterbildung gehöre dazu auch die Finanzierung.

 

Mandy Böttger, DLR-PT

Mandy Böttger, DLR Projektträger


Ergebnisse und Erträge des Förderschwerpunktes stellte Mandy Böttger vom DLR Projektträger vor. Die 54 geförderten Projekte hätten zu den unterschiedlichen Zielen der Bekanntmachung umfangreiche Produkte und Materialien geliefert. Dazu gehörten Sensibilisierungsangebote für Schlüsselpersonen ebenso wie arbeitsplatzorientierte Alphabetisierungs- und
Grundbildungsangebote, Lehr- und Lernmaterialien oder die Förderung von Netzwerkaktivitäten. Über die konkrete Ebene hinausgehende Erträge seien unter anderem, dass Alphabetisierung und Grundbildung im Arbeitskontext denkbar und möglich werde, Weiterbildung zunehmend auch im Segment der Einfachtätigkeiten Beachtung finde sowie Alphabetisierung im Kontext von lebenslangem Lernen wahrgenommen werde.
Konkrete Projektergebnisse bot die Veranstaltung an beiden Tagen zum einen in thematisch fokussierten Fachforen zu den Feldern Entscheider im Betrieb durch Ansprache „auf Augenhöhe“ gewinnen, Arbeits(platz)orientiertes Lernen für Beschäftigungsförderung und Beschäftigungserhalt nutzen, Lokale Lösungen für Alphabetisierung und Grundbildung umsetzen, Menschen in ihren Lebenskontexten erreichen sowie Analyseergebnisse für Alphabetisierungsarbeit nutzen.
Messe auf der Bilanzkonferenz

Messe auf der Bilanzkonferenz

 

Parallel zu den Fachforen fand an beiden Tagen der Bilanzkonferenz zum anderen ein geführter Messerundgang statt. Gemeinsam mit Judith Schulte-Loh, der Moderatorin der Veranstaltung, konnten sich die Teilnehmenden hier an fünfzehn Messeständen über die ganze Bandbreite der ausstellenden Projekte informieren. Es gab Angebote zum Ausprobieren, Materialien zum Mitnehmen und zahlreiche gute Gespräche.

Prof. Karsten Wolff, Universität Bremen

Prof. Dr. Karsten D. Wolf, Universität Bremen im Gespräch mit Moderatorin Judith Schulte-Loh


„Digitale Medien - Zukunft für die Grundbildung?“ lautete der Vortrag von Prof. Dr. Karsten D. Wolf von der Universität Bremen. Vor dem Hintergrund, dass für weniger als 1% der 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten im Alter von 18-64 Jahren traditionelle Grundbildungsangebote verfügbar seien bzw. von diesen wahrgenommen würden, stelle sich die berechtigte Frage, welchen Beitrag digitale Medien zur Verbesserung der Grundbildung leisten könnten. Mögliche Ansätze hierfür, so der der Diplom-Kaufmann und Pädagoge Wolf, könnten sein: individuelle Diagnostik zur Verbesserung von Passung und Akzeptanz von Grundbildungsmaßnahmen, Reduzierung von typischen Nutzungsbarrieren, Unterstützung von Alphabetisierungskräften in der Kursarbeit, individualisierte Lernangebote zur Selbstalphabetisierung in verschiedenen Lebenslagen durch Online-Angebote sowie arbeitsbegleitende Grundbildung mit mobilen Endgeräten. Er stellte zwei nach seiner Auffassung erfolgreiche Beispiele für den Einsatz digitaler Medien in der Grundbildung aus dem lea.-Projekt der Universität Bremen (pädagogische Online-Förderdiagnostik otu.lea für die Kursarbeit) sowie der Universität Hamburg (Selbstdiagnose leo.-App) im Detail vor.

 

Judith Schulte-Loh im Gespräch mit Dr. Friedhelm Keuken, Prof.in Dr. Christine Zeuner und Prof.in Dr. Afra Sturm


Prof.in Dr. Afra Sturm von der Fachhochschule Nordschweiz, Prof.in Dr. Christine Zeuner von der Helmut-Schmidt Universität in Hamburg und Dr. Friedhelm Keuken von der G.I.B. Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH beschäftigten sich im Gespräch mit der Frage, wie Lernen im Erwachsenenalter funktioniere.
Nach Auffassung von Frau Zeuner können Lernprozesse Erwachsener expansiver oder defensiver Natur sein. Sie beruhten in erster Linie auf subjektiven Begründungen, die sich an Handlungsinteressen orientierten. Ein solches Verständnis von Lernen berücksichtige in Aneignungs- und Vermittlungsprozessen die besonderen Perspektiven der Lernenden und versuche, ihre jeweiligen Lernbegründungen aufzunehmen.
Für Herrn Keuken kann der Zugang zu Beschäftigten mit Grundbildungsbedarf über kleine und mittelständische Unternehmen gelingen. Das Lernen erfolge dann in der Regel im Einzelcoaching oder in Kleinstgruppen. Für die erfolgreiche Umsetzung bedürfe es Lehrender mit Zusatzqualifikationen für den betrieblichen Kontext sowie Regelförderinstrumente zur Schaffung einer Anreizstruktur.
Die zentralen Handlungen beim Lesen und Schreiben seien –anders als etwa beim Kochen – nicht ohne weiteres beobachtbar, meinte Frau Sturm: sie fänden im Kopf statt. Wenn wir die Lese- und Schreibkurse zu einer Art Kochshow machten, würde das Verborgene sichtbar und so auch besser lernbar.

 

Prof. Sascha Schroeder, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Prof. Dr. Sascha Schroeder, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung


Obwohl mangelnde Lese-Rechtschreibfähigkeiten im Erwachsenenbereich ein substanzielles Problem darstellten, sei bislang wenig darüber bekannt, worauf die Defizite leseschwacher Erwachsener zurückzuführen seien und ob sie sich von den Leseproblemen von Kindern unterschieden, erläuterte Prof. Dr. Sascha Schroeder vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Es sei jedoch davon auszugehen, dass viele Probleme auf die mangelhafte Routinisierung hierarchie-niedriger Leseprozesse wie die Dekodierung von Wörtern oder ihre Integration in den Satzkontext zurückzuführen seien. Finde die Wortaktivierung zu langsam statt oder koste zu viel Energie, sei der Leseakt langsam und würde als anstrengend empfunden. Deswegen stünden nicht genügend Ressourcen für hierarchie-hohe Verarbeitungsprozesse zur Verfügung, um den Inhalt von Texten vollständig zu verarbeiten, so Herr Schroeder. Insbesondere bei komplexen Materialien und niedriger Motivation - eine Konstellation, die für viele praktische Settings typisch sei - würden deswegen häufig alternative Strategien herangezogen oder das Lesen ganz vermieden – häufig begleitet von emotionalen Folgeproblemen.
In seinem abschließenden Statement brachte Peter Munk, Referatsleiter im BMBF, seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die Ergebnisse aus dem Förderschwerpunkt „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung“ nachhaltig in der weiteren Alphabetisierungsarbeit angewandt würden. Der Nutzen der in den Projekten seit 2012 geleisteten Arbeit für die Alphabetisierung insgesamt werde sich in der Praxis erweisen. Daher begleite und unterstütze das BMBF auch zukünftig weitere Transferaktivitäten.

 

Peter Munk, BMBF

Peter Munk, Bundesministerium für Bildung und Forschung

 


So würden einzelne, besonders erfolgversprechende Handlungslinien durch gezielte Förderung verstetigt. Erste entsprechende Aktivitäten seien angelaufen, weitere würden folgen. Ferner würden Erkenntnisse, Ergebnisse und Produkte durch verschiedene Aktivitäten für eine breitere Anwendung bzw. Nutzung zugänglich gemacht. Dazu zählten neben prägnanten Kurzinformationen auch thematisch fokussierte Fachsymposien und eine Abschlussdokumentation des Förderschwerpunktes. Schließlich werde auch die Kampagne „Lesen und Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ fortgeführt, um das Thema weiter zu enttabuisieren.
Herr Munk verwies abschließend auf die zentrale Veranstaltung auf Bundesebene anlässlich des Weltalphabetisierungstags am 8. September 2015, die wiederum in der Bundespressekonferenz in Berlin stattfindet.

Zur Bildergalerie

Präsentationen:

Fachforum 1: Vorhandene Beratungsstrukturen für arbeitsorientierte Grundbildung nutzen? (SESAM), Vertrieb, Begleitung, Networking auf Augenhöhe gestalten (Grund:Bildung)

Fachforum 2: Am Lernort Arbeitsplatz Beschäftigte erreichen (eVideo2.0), Kooperation in der Grundbildung für aktive Arbeitsförderung nutzen (Grubin), Lernförderung in die Praxis umsetzen (PRO-JOB)  

Fachforum 3: Kommunen für Grundbildung fit machen (AlphaKommunal), Lokale Unternehmensnetzwerke für Grundbildung gewinnen (GRiBS), Im Kiez für Grundbildung sensibilisieren (SPIN.PRO)

Fachforum 4: Zusammenarbeit mit Betrieben gestalten (ABAG Köln), Mit Ausdauer, Kondition und Durchhaltevermögen Entscheider gewinnen (ABC)

Fachforum 5: Finanzielle Grundbildung als neues Thema der Erwachsenenbildung (CurVe), Resozialisierung durch Alphabetisierung und Grundbildung (RAUS)

Fachforum 6: Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung - was sagen Lehrende und Lernende? (Alphamar 2), Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung - Arbeitsplatzanalysen in der Hotellerie und Gastronomie (Perspektive)

Plenum: Der Förderschwerpunkt - Ergebnisse und Erträge (DLR Projektträger), Digitale Medien - Zukunft für die Grundbildung? (Prof. Dr. Karsten D. Wolf), Kognitive Grundlagen der Lese-Defizite von Erwachsenen - Implikationen für die Praxis (Prof. Dr. Sascha Schroeder)


Zum Programm   


© BMBF 03/22/2017 10:44 - Alle Rechte vorbehalten.