Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit mit und für Unternehmen

Im Mittelpunkt des Workshops „ Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit mit und für Unternehmen“ stand die Frage, wie Unternehmen dazu motiviert werden können, sich für Alphabetisierung und Grundbildung zu interessieren und entsprechende Qualifikationsangebote zu realisieren. Rund 70 Personen aus dem Förderschwerpunkt „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ und weiteren BMBF-geförderten Projekten mit Schwerpunkt Alphabetisierung/Grundbildung nahmen an der Veranstaltung am 13. Juni 2013 im Bonner Universitäts-Club teil.

Diskussionsrunde beim WorkshopAlphabetisierung und Grundbildung spielen in der beruflichen Bildung (bisher) keine zentrale Rolle; für Unternehmen stehen primär berufsrelevante Qualifikationen auf der Weiterbildungs-Agenda. Das galt ursprünglich auch für Elke Strauß, Fortbildungsreferentin, Soziale Betriebe Köln gGmbH, bevor sie im Rahmen des Projekts ABAG Köln erstmals mit dem Thema funktionaler Analphabetismus konfrontiert wurde. Und ihr ging es wie vielen: zunächst war sie skeptisch, dass es in ihrem in der Senioren- und Behindertenarbeit tätigen Unternehmen Mitarbeitende gäbe, die nicht hinreichen Lesen und Schreiben können. In einem professionellen und offenen Informations- und Beratungsgespräch zeigten sich dann jedoch Nachholbedarfe in der Alphabetisierung und Grundbildung, da die Anforderungen an Mitarbeitende in der Pflege durch immer mehr Dokumentationspflichten kontinuierlich ansteigen. Und nachdem auch die Geschäftsleitung von der Notwendigkeit eines Alphabetisierungsangebots überzeugt war, konnte es losgehen mit einer für den Betrieb maßgeschneiderten Weiterbildung.

Das Ansetzen an konkreten betrieblichen Anforderungen wie Sicherheitsvorschriften, Dienstvorschriften oder Dokumentationspflichten ist auch nach Auffassung von Manfred Trinkert, Geschäftsführer des Integrationsbetriebs Zeche Germania gGmbH in Dortmund, eine wichtige Voraussetzung, um mit Betrieben ins Gespräch zu kommen. Anhand von konkreten Beispielen solle der Nutzen für die Betriebe aufgezeigt werden; Angebote können jedoch nur erfolgreich im Betrieb umgesetzt werden, wenn diese offen sind und den Betrieben Gestaltungsfreiräume ließen.

Auch die Rahmenbedingungen wie Schichtdienst, saisonale Besonderheiten oder Abläufe im Unternehmen, so der Chef eines Entsorgungsfachbetriebs, gelte es bei der Konzipierung von Weiterbildungsangeboten für Geringqualifizierte zu beachten.

Die direkte Ansprache von Betrieben ist eine Möglichkeit, sagte Markus Leimbach von der Akademie Klausenhof, eignet sich aber vor allem bei Unternehmen, in denen man bereits bekannt ist. Ein weiterer Weg führe über Verbandsstrukturen und andere Netzwerke in der Region. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen im ländlichen Raum könnten so erreicht werden.

Ein weiteres „Einfalltor“ in den Betrieb ist nach der Erfahrung von Karin Zirkelbach vom Verbund SPIN.PRO das Qualitätsmanagement. Auch wenn die Unternehmen sich auf Mitarbeitende mit Grundbildungsdefiziten eingestellt haben und häufig keine Veränderungen wollen, seien QM-Beauftragte eher für das Thema zu sensibilisieren als andere Führungskräfte.

Beschäftigte lassen sich durch kleine Lerngruppen, kurze Lernphasen, individuelle Begleitung und Ausgestaltung des Angebots und eine engagierte Kursleitung motivieren. Auch in der Einbettung von Angeboten im Arbeitsplatzbezug, beispielsweise durch die Aussicht auf eine bessere Position innerhalb des Betriebes bei Abschluss der Alphabetisierungs- und Grundbildungsmaßnahme, sehen Frau Strauß und Herr Leimbach eine Möglichkeit, Mitarbeitende zur Teilnahme zu bewegen.

Unternehmen gewinnen, nur wie? (Frau Abraham)Unter dem Titel „Unternehmen gewinnen, nur wie?“ zeigte Grundbildungsexpertin Ellen Abraham auf, welche Faktoren bei der Ansprache von Betrieben Erfolg versprechen. Aus ihren Erfahrungen, die sie im Projekt GRAWiRA gesammelt hat, gehören dazu:

  • den Begriff Alphabetisierung vermeiden 
  • persönlichen Bezug zum Unternehmen herstellen, z. B. über Zeitungsartikel, Verbandzeitschrift, Radiobericht 
  • persönliche Kontakte und Netzwerke nutzen 
  • Ansprache über Kammern und Verbände
  • den einzelnen Betrieb im Blick haben (was sind deren Sorge und Nöten?)
  • wirtschaftliches Denken in die eigene Argumentation integrieren
  • auf öffentliche Fördermöglichkeiten hinweisen
  • den Nutzen für die Wertschöpfung erläutern
  • konkrete Beispiele aus der Praxis aufzeigen

Auch für die Motivation der potentiellen Teilnehmenden sei es im Übrigen wichtig, das Lesen- und Schreiben-Lernen so zu verpacken, dass es nicht offenkundig wird. Lernanlässe könnten der Computer-Kurs, die neue Pflegedokumentation, aktuelle Sicherheitsbestimmungen oder ähnliches sein.

Engagierte Diskussion auf der VeranstaltungDer kollegiale Austausch stand im Zentrum der drei AlphaCafés am Nachmittag der Veranstaltung. Um Grundbildungsangebote im Betrieb konkret gestalten zu können, so das Ergebnis des ersten Themenstrangs, müssen die zentralen Akteure in die Entwicklung der Maßnahmen eingebunden werden. Für das Unternehmen ist es darüber hinaus wichtig, dass bei der Umsetzung keine Engpässe bei der Erledigung der betrieblichen Aufgaben entstehen. Die Freistellung von Mitarbeitenden kann damit schon ein Hindernis für den Betrieb sein, während sie sich auf die Motivation der Teilnehmenden durchaus positiv auswirkt.

Um potentielle Lernende zu motivieren, an einem Kurs teilzunehmen, bedürfe es der Ansprache auf Augenhöhe, machte Uwe Boldt, Botschafter für Alphabetisierung 2012 und Lernender, zu diesem Themenfeld deutlich. Aber einen Königsweg für die Ansprache gibt es nach seiner Auffassung nicht; vielmehr müsse jeder Betroffene individuell und sensibel angesprochen werden. Oft seien es die älteren Lernenden, die mit viel Motivation und Engagement in den Kursen seien, während junge Menschen früh wieder aufgäben, war ein Ergebnis der Diskussion. Ob dies an dem höheren Leidensdruck bei Älteren liegt oder an der größeren zeitlichen Distanz zur eigenen Schulzeit, konnte indes nicht geklärt werden.

Der Erfolg von Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit liegt im Auge des Betrachters, ergab die dritte Themendiskussion. Und die Sichtweise von Bildungsanbietern wie der VHS und von Unternehmen ist da zum Teil deutlich unterschiedlich. Die positiven „Nebenprodukte“ des Lernens wie verbesserte Kommunikations- und Ausdruckfähigkeit, mehr Selbstbewusstsein und –vertrauen, weniger Kraftverlust durch Vermeidungsstrategien, die gerade für Lernende von großer Bedeutung sind, gilt es in das Wertesystem der Betriebe zu „übersetzen“. Hier können konkreter Beispiele hilfreich sein. Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg sind auch die Rahmenbedingungen, unter denen Alphabetisierung stattfindet.

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