Institutionenübergreifendes Beratungssystem arbeitsplatzorientierte Grundbildung. Modellprojekt für den ländlichen Raum (IBaG)

Für die Etablierung arbeitsplatzorientierter Alphabetisierung und Grundbildung im ländlichen Raum gelten spezifische Rahmenbedingungen, die es zu berücksichtigen gilt. Dies hat das Projekt IBaG an den Standorten Aurich und Norden im Nordwesten Niedersachensens gezeigt:
Mit Maßnahmen wie Ausstellungen, Internetpräsenz, Aktionen zum Weltalphabetisierungstag, Informationsvorträgen, Angeboten in öffentlichen Bibliotheken usw. konnte eine breite Öffentlichkeit mit dem Thema erreicht werden. Umfangreiche Berichterstattung in den Print-Medien, Interviews im regionalen Funk und Privat-Fernsehen haben zur Verbreitung wesentlich beigetragen. So konnten auch Betroffene und ihr Umfeld erreicht werden.
Eine tiefer gehende Information von Akteuren des öffentlichen Lebens wie kommunalen Beratungsstellen, Kirchen, Vereinen etc. konnte ebenfalls erfolgreich umgesetzt werden. Mit der zielgerichteten Information dieses Kreises konnte zur Enttabuisierung in der wichtigen Zielgruppe der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Lebenswelt Betroffener beigetragen werden.
Auch die Ansprache von Akteuren des Arbeitsmarktes kann im ersten Schritt als erfolgreich bezeichnet werden. Die Bereitschaft von betrieblichen Akteuren in den Organisationen von Kammern, Verbänden, Gewerkschaften sowie von Personen in der Arbeitsvermittlung, sich über das Thema zu informieren, war durchaus vorhanden. Über dieses grundsätzliche Interesse hinaus musste aber für die kleinen und mittelständischen Betriebe im ländlichen Raum festgestellt werden, dass funktionaler Analphabetismus isoliert betrachtet keine nennenswerte Relevanz im betrieblichen Alltag hat. Das Projekt hat daher konsequenter Weise die Verknüpfung des Themas mit anderen Aspekten betrieblicher Personalentwicklung in einem weiteren Schritt erprobt. So konnte der Zusammenhang mangelnder Grundbildung mit negativen Auswirkungen wie gesundheitlichen Problemen oder fehlender Flexibilität im Arbeitsalltag verdeutlicht werden. Dies führte dazu, dass Betriebe ein Interesse für Grundbildung entwickelten.
Insgesamt wurden in über 40 Veranstaltungen rund 700 Personen informiert.
Auch für die Gewinnung von Teilnehmenden gelten im ländlichen Raum – so die Projekterfahrungen – besondere Bedingungen, die in der Alphabetisierungsarbeit bisher nur teilweise realisiert wurden. Es hat sich gezeigt, dass die persönliche Situation Betroffener oftmals nicht von Isolation, Prekariat und Ablehnung geprägt ist. Vielmehr sind erwerbstätige funktionale Analphabetinnen und Analphabeten in kleinen und mittleren Unternehmen im ländlichen Raum in der Regel sowohl im Betrieb als auch sozial und gesellschaftlich gut integriert. Der vermutete hohe Leidensdruck, aus dem Veränderungsbereitschaft erwächst, ist daher bei diesen Personen gering ausgeprägt. Darüber hinaus sehen Personalverantwortliche in den Unternehmen in unzureichenden Lese- und Schreibkompetenzen vielfach keine Probleme für eine funktionierende Gestaltung der Arbeitsabläufe, da vorhandene Defizite mittels innerbetrieblicher Unterstützungsmaßnahmen ausgeglichen werden. Ferner sind Angebote oftmals schwer zu erreichen, sei es aus zeitlichen oder infrastrukturellen Gründen. Schließlich korreliert mangelnde Grundbildung vielfach mit weiteren belastenden Lebensverhältnissen, deren Bewältigung dann in der Regel im Vordergrund stehen. Trotz dieser Rahmenbedingungen konnten Grundbildungsangebote umgesetzt werden. Die bisher begrenzten Lernangebote der Volkshochschulen in Aurich und Norden wurden quantitativ ausgebaut, inhaltlich um Arbeitsplatzorientierung ergänzt und durch die Einrichtung offener Lernangebote in Form von LernCafés an beiden Standorten ergänzt.
Darüber hinaus wurden in den Volkshochschulen in Aurich und Norden lokale Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen für Alphabetisierung und Grundbildung für Betroffene und Kooperationspartner des Projekts etabliert. Damit ist der Grundstein für ein entsprechendes Netzwerk gelegt.

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