Rückblick Weltalphabetisierungstag 2014

Bereits zum fünften Mal in Folge fand anlässlich des UNESCO-Weltalphabetisierungstages am 8. September 2014 die zentrale bundesweite Veranstaltung im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz in Berlin statt.

Vor rund 120 Zuhörern und Zuhörerinnen betonte Kornelia Haugg vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dass die im Rahmen des BMBF-Förderschwerpunktes „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ geförderten Projekte, aber auch die zahlreichen Aktivitäten der Partner der Nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung, in den vergangenen Jahren einen wichtigen Beitrag geleistet haben, um die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit weiter voran zu bringen. Vor allem mit differenzierten Angeboten, neuen Methoden und innovativen Zugangswegen sei es möglich, das Interesse an Bildung und die Bereitschaft, hierfür Zeit zu investieren, auch bei Erwachsenen zu steigern.

Kornelia Haugg, fotografiert von Bernhard Claßen 2014 in Berlin Kornelia Haugg, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Die Erfahrungen aus der Arbeit dieser Projekte habe gezeigt, dass sich die Situation der Erwachsenen auf dem alpha-Level drei differenzierter darstelle als bisher angenommen. Beispielsweise gebe es diejenigen, die ihre Lese- und Schreibschwierigkeiten als einen persönlichen Makel empfinden und diese deshalb wirksam verbergen würden. Andererseits gebe es aber auch diejenigen, die sich aufgrund meist abrupter Veränderungen in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld mit ihren Lese- und Schreibschwierigkeiten aktiv auseinander setzen und nach Veränderungsmöglichkeiten suchen. Eine weitere Gruppe sei erwerbstätig, beruflich integriert und anerkannt. Dieser Personenkreis nehme seine Lese- und Schreibkompetenzen als ausreichend wahr, verfüge über wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe und habe keinen Anreiz, die eigene Situation durch Bildung zu verändern. Vor dieser Spannbreite an Herausforderungen stehe die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit in Deutschland. Vor uns stünde die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diesen Mitmenschen bestmögliche Hilfen zur Überwindung der Schreib-Lese-Schwächen anzubieten. Hier gebe es in den nächsten Jahren noch viel zu tun. Die neue Bundesregierung habe deshalb in der Koalitionsvereinbarung eine Dekade für Alphabetisierung angekündigt.

Die von Frau Haugg beschriebenen Befunde bestätigte auch Dr. Simone C. Ehmig von der Stiftung Lesen. Als Projektleiterin der SAPFA-Studie erläuterte sie, dass funktionaler Analphabetismus im Arbeitskontext nicht so tabuisiert werde, wie angenommen. Unternehmen träfen jedoch eher Vorkehrungen gegen die Folgen, z. B. mit Farben und Symbolen, als in Grundbildungsmaßnahmen zu investieren.Dr. Simone C. Ehmig, fotografiert von Bernhard Claßen 2014 in Berlin

Dr. Simone C. Ehmig, Stiftung Lesen

Dennoch seien die Sondierung von kreativen Zugangswegen zu den Betroffenen und die Verzahnung von Angeboten im persönlichen und beruflichen Umfeld notwendig und sinnvoll: Denn jeder Zweite im Arbeitsumfeld Betroffener schließe die Änderungsbereitschaft von Personen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten nicht aus und jeder dritte bis vierte Arbeitgeber sei zu (Mit-) Finanzierung und Freistellung bereit, wenn Betroffene Angebote wahrnähmen.

Wie die Alphabetisierung und Grundbildung vor Ort verankert werden kann, zeigte Anna Zagidullin vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Referat Erwachsenen- und Weiterbildung, anhand der Einrichtung von regionalen Grundbildungszentren auf.

Anna Zagidullin, fotografiert von Bernhard Claßen 2014 in Berlin Anna Zagidullin, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur

Mit Blick auf die Verankerung des Themas in Unternehmen präsentierte das Projekt Mento die Qualifizierung von betrieblichen Mentorinnen und Mentoren sowie Lernberatern und Lernberaterinnen und veranschaulichte welche Beratungs- und Unterstützungsmechanismen in Unternehmen aktiviert werden können.

Das Projekt AlphaBeruf stellte zudem einen in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) entwickelten Modellansatz zur systematischen Verzahnung von Maßnahmen aktiver Arbeitsförderung Arbeitsloser mit vorgeschalteter berufsorientierter Alphabetisierung vor. Weitere Informationen zu diesen und anderen Projekten finden sich auf der Homepage www.alphabund.de.

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. (BVAG) ehrte Jürgen Genuneit, Gründungsmitglied des BVAG und Mitglied des Vorstandes von 1997 bis März 2011, den im April verstorbenen Gerald Schöber, ebenfalls Gründungs- und Vorstandsmitglied, postum für sein außerordentliches Engagement und zeichnete dessen Wirken für die Belange der Alphabetisierung und für den BVAG nach. Seit 2003 verleiht der BVAG auch die Auszeichnung „Botschafter für Alphabetisierung“. In diesem Jahr wurde der Bundestagsabgeordnete Oliver Kaczmarek aus Unna zum Botschafter ernannt.

Oliver Kaczmarek, fotografiert von Bernhard Claßen 2014 in Berlin Moderator Armin Himmelrath mit Oliver Kaczmarek (rechts)

Er wurde für sein jahrelanges Engagement auf Bundes- wie auf regionaler Ebene ausgezeichnet. Sein zentrales Anliegen ist die Verbesserung der Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote vor Ort. „Alphabetisierung ist altersunabhängig ein Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe.“, sagte Kaczmarek in der Bundespressekonferenz. Gemeinsam mit lokalen Akteuren hat er deshalb im Frühjahr 2013 das Alphabetisierungsnetzwerk Unna initiiert, für das er auch stellvertretend die Auszeichnung entgegennahm.

Die Beiträge als Download-Dateien:

Vortrag Dr. Simone C. Ehmig
Vortrag Anna Zagidullin
Vortrag Marcus Henk
Vortrag Dr. Thomas Freiling
Vortrag Tobias Kunze     

 


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