Rückblick "Weiterbildung im Dialog", 25. und 26. März 2014

Die Kompetenzen von gering qualifizierten Menschen standen im Zentrum der Veranstaltung „Weiterbildung im Dialog – Potenziale nutzen, Perspektiven schaffen“, die am 25. und 26. März 2014 in Hamburg stattfand. Über 230 Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsträgern der beruflichen und allgemeinen Weiterbildung, Innungen und Handwerkskammern, Dienstleistungs- und Forschungseinrichtungen, Unternehmen sowie Ministerien diskutierten gemeinsam, wie dieses Tagungsmotto in die Praxis umgesetzt werden kann.

Kornelia Haugg, BMBFDurch den demografischen Wandel und den erwarteten Fachkräftebedarf wachse die Bedeutung des Lernens im Arbeitsalltag aller Beschäftigter, so Kornelia Haugg vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Lernen werde zu einem der wichtigen Ausgangs- und Zielpunkte der Weiterentwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten im Erwachsenenalter. Insbesondere gelte das für den Kompetenzerwerb gering qualifizierter Menschen, da dieser Personenkreis mit klassischen Weiterbildungsangeboten oftmals nicht erreicht werde.

Dr. Jan Paul HeisigWissenschaftliche Studien, wie das Programm für die Bewertung von Kompetenzen Erwachsener (PIAAC), zeigten, dass die Gruppe der gering Qualifizierten differenzierter zu betrachten sei als bisher angenommen: jeder Achte/jede Achte erreicht die PIAAC Kompetenzstufe 3 oder höher. Zugleich sei die Anerkennung informeller Kompetenzen von erheblicher Bedeutung für diese Personengruppe, so Dr. Jan Heisig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der Kompetenznachweis sei wichtige Voraussetzung für die Erhöhung der Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten in Deutschland.

Prof. Dr. Josef SchraderWeiterbildungsbeteiligung und Kompetenzentwicklung bedingen sich. Es müssen daher Wege gefunden werden, um gerade die Personengruppe der gering Qualifizierten für Weiterbildungsangebote zu gewinnen. Ein gangbarer Weg seien flexible Angebote für die Zielgruppe sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungspraxis, verkündete Prof. Dr. Josef Schrader, Deutsches Institut für Erwachsenbildung (DIE). Insgesamt müssten weitere Anstrengungen unternommen werden, um bestehende Angebote, wie den ProfilPass, für die Zielgruppe der gering Qualifizierten und funktionalen Analphabeten und Analphabetinnen nutzbar zu machen.

Neben den formalen Qualifikationen des deutschen Bildungssystems sollten auch nicht-formal und informell erworbene Kompetenzen Eingang in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) finden, erläuterte Katrin Gutschow vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB). Empfehlungen zur Zuordnung von Ergebnissen nicht-formalen Lernens wurden im März 2014 dem Arbeitskreis DQR beim BiBB übergeben – eine Chance auch für gering Qualifizierte. Bisher erfolge die Kompetenzanerkennung bei gering Qualifizierten in Unternehmen wenig strukturiert, so Gregor Berghausen von der Industrie- und Handelskammer zu Köln. Allerdings seien Instrumente der formalisierten Kompetenzanerkennung auf dem Vormarsch. Während die Finanzierung der Qualifikation und Kompetenzanerkennung gesichert sei, bedürfe es sowohl einer Verankerung in der Personalarbeit als auch einer Aktivierung der Zielgruppe.

Neue Lernmodelle könnten einen Beitrag leisten, um auch gering Qualifizierten durch Weiterbildung Wege in der Arbeitswelt zu eröffnen. Metakognitive Lernstrategien, wie Lautes Denken, könnten insbesondere gering Qualifizierten helfen, Lernblockaden abzubauen und somit zu Lernerfolgen beitragen, berichteten Dr. Kerstin Hohenstein, Universität der Bundeswehr München und Astrid Lambert, Katholische Erwachsenenbildung Deutschland – Bundesarbeitsgemeinschaft e. V. Intergenerationelles Lernen hingegen fördere den Dialog zwischen den Generationen am Arbeitsplatz. Dr. Julia Franz, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, bestätigte, dass insbesondere gering qualifizierte Mitarbeitende von niedrigschwelligen, arbeitsintegrierten Lernprozessen profitierten. Die Reflexion von familiär geprägten Verhaltensmustern ermögliche das Nachdenken über die eigenen Denkprozesse und unterstütze somit den Kompetenzerwerb.

Das Lebenslange Lernen von der frühen Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter beuge der Lernentwöhnung vor, fördere das gesundheitsbewusste Verhalten sowie die politische Partizipation und das bürgerschaftliche Engagement, erhöhe das Wohlbefinden und erhalte die Unabhängigkeit und Selbständigkeit, betone Johanna Gebrande von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Erkenntnisse darüber, wie Bildungsentscheidungen, Lernprozesse, Kompetenzentwicklung und Bildungserträge im Lebenslauf mit einander verwoben sind, böten die Längsschnittdaten des Nationale Bildungspanel NEPS, führte Merlind Eisermann, Institut für Arbeitsmark- und Berufsforschung (IAB) weiter aus. Die Daten zeigten, dass geringe Grundkompetenzen in engem Zusammenhang mit niedrigen Bildungsabschlüssen stünden und Bildungsarmut die Wahrscheinlichkeit für Arbeitslosigkeit und Nichterwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit, niedrig qualifizierte Tätigkeiten mit geringem Status und geringe betriebliche Förderung von Weiterbildung erhöhe.

Bildungsberatung, so Prof.in Dr. Wiltrud Gieseke von der Humboldt-Universität Berlin, schließe an unterschiedliche Bildungsniveaus an und nähme biographische Selbstauslegungen und Interessen ernst. So könne sie sich als Dienstleistung für Bildung über die Lebensspanne positionieren. Die Wahlfreiheit des Individuums, an Bildungsberatung zu partizipieren, gelte dabei für gering Qualifizierte gleichermaßen wie für alle anderen Nachfrager. Coaching und Lernbegleitung als integralen Bestandteil von Unterricht anzunehmen und umzusetzen, verlange von Lehrenden auch eine veränderte Haltung, erläuterte Prof.in Dr. Ingeborg Schüssler, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg. Dazu gehörten ein hohes Maß an Selbstreflektivität für die eigenen blinden Flecken, unerwünschten Anteile, hochgestellten Ideale und eigenen Grenzen.

Die Veränderung des Gehirns im Laufe eines Lebens müsse nicht zwangsläufig mit funktionellen Einbußen verbunden sein, lautet die wissenschaftliche Einschätzung von Prof. Dr. Benjamin Godde, Jacobs University Bremen gGmbH. Vielmehr böte die Leistungsfähigkeit und Plastizität des Gehirns Kompensationsmöglichkeiten. Das Altern des Gehirns und damit der Abbau von Funktionen sei durch physische Fitness, eine anregende Umgebung, gesunde Ernährung, soziale Interaktionen, emotionale Stabilität sowie Abwesenheit von Umweltgiften (inkl. Drogen und Alkohol) beeinflussbar. Und auch wenn sich die Lernfähigkeiten und -strategien mit dem Alter änderten und sich Lernen im Alter individuell sehr unterschiedlich darstelle, ermögliche die lebenslang erhaltene Plastizität das Erlernen neuer Fähigkeiten bis ins hohe Alter hinein.

Die Externenprüfung sei ein Weg für An- und Ungelernte, nachträglich zu einem anerkannten Berufsabschluss zu gelange, so Herbert Rüb vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH (INBAS). Kernelemente seien u. a. die Kombination unterschiedlicher Lernorte, Lernen im Betrieb und pädagogische Begleitung. Unterschiedliche Umsetzungsmodelle hätten gezeigt, dass die Gewinnung von Teilnehmenden ein wichtiges Thema sei. Auch Teilqualifikationen böten gering Qualifizierten die Möglichkeit zu beruflicher Entwicklung, so Michaela Bagger von der Agentur für Arbeit Hamburg. Standardisierte, berufsanschlussfähige Teilqualifizierungen für Erwachsene lieferten einen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Außerdem würden durch Kammerzertifikat und Anschlussfähigkeit der Module neue Entwicklungsperspektiven für gering Qualifizierte eröffnet.

Prof. Dr. Anke Grotlüschen und Prof. Dr. Kartrin Kaufmann

In einem Fachgespräch tauschten sich Prof.in Dr. Anke Grotlüschen, Universität Hamburg und Juniorprof.in Dr. Katrin Kaufmann, Freie Universität Berlin über die Ergebnisse von PIAAC und NEPS aus. Beide Studien lieferten wichtige Erkenntnisse für die Zielgruppe der gering Qualifizierten. So könne NEPS vor allem im Längsschnitt die Wirksamkeit von Weiterbildung nachweisen. Auch zeigten die Forschungsergebnisse, dass Betriebe mit etablierten Weiterbildungsstrukturen stärkere Teilnahmequoten erbringen als andere. Hierbei verbessere Weiterbildungsberatung das Weiterbildungsverhalten. Eine ähnliche Wirkung hätten ehrenamtliche oder kulturelle Aktivitäten, so die beiden Wissenschaftlerinnen.

Prof. Dr. Bernhard Schmidt-HerthaDas Potenzial von formal und informell erworbene Kompetenzen müsse besser erhoben werden, so Prof. Bernhard Schmidt-Hertha von der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sowohl für eine quantitative Messung als auch für eine qualitative Bilanzierung brauche man neue Ansätze, die sich über die Lebensspanne erstreckten und Benachteiligungen, die beispielsweise durch die soziale Herkunft bedingt seien, abbauten.

 

In einer Podiumsdiskussion zum Thema „Demographische Entwicklung und Erwerbsarbeit“ wurden der Stellenwert und die Potenziale von Bildungsarbeit mit gering Qualifizierten analysiert. Die erwähnten Ansätze „guter Praxis“, beispielsweise aus dem Hamburger Hafen, der betrieblichen Gesundheitsförderung und aus der Zeitarbeit, fanden sowohl in der Runde als auch im Plenum Zustimmung. Unstrittig war ebenso, dass eine Investition in die Weiterbildung von gering Qualifizierten der richtige Weg sei, um den aktuellen wie zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen proaktiv zu begegnen. Weitere Beiträge der Expertinnen und Experten zeigten die Schlussfolgerungen auf, die auf Basis der neuesten Statistiken und Erhebungen – wie PIAAC – gezogen werden können. So boten die Erfahrungen der Praxis und die Erkenntnisse der Wissenschaft einen komplexen Blick auf den Kompetenzerwerb im Erwachsenenalter. Auf dem BMBF-Forum wurden neue Ansätze der Vermittlung und Anerkennung von Wissen diskutiert. Ausgewählte Praxisbeispiele verdeutlichten konkrete Handlungsansätze in der Arbeitswelt.Podiumsdiskussion Weiterbildung im Dialog

Präsentationen

Fachvorträge

Fachvortrag 1
Kompetenzen und Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten in Deutschland
Prof.in Dr. Heike Solga/ Dr. Jan Paul Heisig. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Fachvortrag 2
Gering Qualifizierte in der Weiterbildung – bildungspolitische Initiativen, Erfahrungen der Praxis, Befunde der Forschung
Prof. Dr. Josef Schrader, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung - Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V.

Abschlussvortrag
Kompetenzentwicklung über die Lebensspanne: Bedingungen für Arbeiten und Lernen im Erwachsenenalter. Ein Ausblick.
Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha, Universität Tübingen

Fachforen

 Forentitel  Präsentation 1  Präsentation 2
Chancen der Kompetenzanerkennung für gering Qualifizierte   Der DQR - ein Instrument der Kompetenzentwicklung?
Katrin Gutschow, Bundesinstitut für Berufsbildung 
Kompetenzanerkennung bei gering Qualifizierten – ein gangbarer Weg für Unternehmen?
Gregor Berghausen, Industrie- und Handelskammer zu Köln 
Lernmodelle in der und für die Arbeitswelt Gering Qualifizierte: Kognitives Potenzial versus Lernblockaden
Dr. Kerstin Hohenstein, Universität der Bundeswehr München und Astrid Lambert, Katholische Erwachsenenbildung Deutschland - Bundesarbeitsgemeinschaft e.V.
Intergenerationelles Lernen am Arbeitsplatz
Dr. Julia Franz, Prof.in Dr. Annette Scheunpflug, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Kompetenzentwicklung und Potentialnutzung im (Erwerbs-)leben Kompetenzentwicklung im Lebenslauf – Herausforderung für Bildung und Weiterbildung
Johanna Gebrande, Ludwig-Maximilians-Universität München
Weiterbildungsbeteiligung und Kompetenzausstattung gering Qualifizierter
Merlind Eisermann, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Beratung und Begleitung – neue Regelaufgaben für Lehrkräfte? Ressourcenorientierte Beratung für gering Qualifizierte
Prof.in Dr. Wiltrud Gieseke, Humboldt-Universität Berlin
Coaching und Begleitung im Unterricht
Prof.in Dr. Ingeborg Schüssler, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Weiterbildung im späteren Erwerbsleben

Kognitive Leistungsfähigkeit und deren Plastizität in der zweiten Lebenshälfte
Prof. Dr. Benjamin Godde, Jacobs University Bremen gGmbH

ergänzend:

Alternde Belegschaften - Strategien zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit
Dr. Götz Richter, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Anerkannte und innovative Angebote für gering Qualifizierte in der Praxis Erfolgreiche Qualifizierungswege für An- und Ungelernte
Herbert Rüb, Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH (INBAS)
Teilqualifizierung als Perspektive für gering Qualifizierte
Michaela Bagger, Agentur für Arbeit, Hamburg

 

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