Umfeldstudie – Studie zum mitwissenden Umfeld funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten

In Großstädten sind laut leo.-Studie bis zu 18 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von funktionalem Analphabetismus betroffen. Betroffene haben üblicherweise eine oder mehrere Personen im Umfeld, deren Solidarität und Unterstützung ihnen erlauben, beruflich und privat zu reüssieren, häufig aber ohne die eigene Literalität zu verbessern. Millionen von Erwachsenen unterstützen funktionale Analphabetinnen und Analphabeten im Alltag. Nur selten jedoch werden hierbei Betroffene zu Kursbesuchen ermutigt. Die Umfeld-Studie soll Aufschluss über dieses „mitwissende Umfeld“ geben. Studien dieser Art gibt es bisher nicht. Der Paradigmenwechsel von der Adressatenforschung zur Umfeldforschung kann auch deutlich über die Grundbildung hinaus innovative Ergebnisse bereitstellen, die zur Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung beitragen.

Die Studie umfasst eine qualitative und eine quantitative Teilstudie, verfolgt also einen sogenannten Mixed-Methods Ansatz, der die jeweiligen analytischen Stärken qualitativer und quantitativer Forschung verbindet. Die Auswahl der Interviewpartner und Interviewpartnerinnen im Rahmen der qualitativen Teilstudie (n=30) basiert auf einer theoretisch erarbeiteten Typenbildung. Die repräsentative, auf Hamburg als exemplarische Metropolregion bezogene, quantitative Teilstudie (Telefoninterviews, n=1.500) wurde durch das in Berlin ansässige Befragungsinstitut Info GmbH durchgeführt.
Die Studie zielt auf die verbesserte Erreichbarkeit funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten durch ihr familiäres, soziales und berufliches Umfeld. Die qualitative Studie erweitert die theoretisch erarbeitete Typologie des Mitwissens und sichert sie empirisch ab. Dazu liefert die quantitative Studie Erkenntnisse über die zahlenmäßige Bedeutung der Subgruppen. So lassen sich Typen des Mitwissens präzise beschreiben und quantifizieren.

Zentrale Ergebnisse der Studie sind:

  1. In Hamburg kennen rund 40 Prozent der Erwachsenen jemanden (oder es wurde ihnen von jemandem berichtet), der oder die sehr schlecht liest oder schreibt. Die Spanne reicht dabei von sehr gravierenden Schwierigkeiten bis zu einer im jeweiligen Kontext auffälligen fehlerhaften Schreibung. Es ist also davon auszugehen, dass Literalitätsschwierigkeiten im gesellschaftlichen Umfeld durchaus auffallen, zur Kenntnis genommen und vielfach auch thematisiert werden.
  2. Das mitwissende Umfeld ist nicht auf die Familie oder den Beruf beschränkt. Die meisten Befragten berichten sogar von Betroffenen, die sie aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis kennen.
  3. Betroffene werden in unterschiedlichem Umfang unterstützt. Dies kann geschehen in Form einer generellen Übernahme von Lese- und Schreibanforderungen (wodurch nur rudimentäre Lernprozesse angeregt werden) oder auch in der Entwicklung eigener Lernsettings in der jeweiligen Beziehung von Betroffenen und Unterstützern und Unterstützerinnen bei denen mitunter veritable Lernfortschritte beobachtet werden können. Nur in seltenen Fällen jedoch kommt es zu einer Vermittlung in das System der Weiterbildung.
  4. Nicht nur für die Betroffenen stellt es ein Problem dar, sich mit ihren Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zu offenbaren. Auch vielen Mitwissenden fällt es schwer, den Sachverhalt in angemessener Form zu thematisieren.

 


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