Weltalphabetisierungstag 2012

Lernende verlesen Deklaration [Quelle: PT-DLR]Mit sieben Forderungen wandten sich Lernerinnen und Lerner anlässlich des diesjährigen Weltalphabetisierungstages an die Öffentlichkeit. Auf der zentralen Veranstaltung des Bündnisses für Alphabetisierung und Grundbildung in Berlin trugen sie ihre gemeinsam mit anderen Lernenden aus 12 europäischen Ländern erarbeiteten Forderungen für mehr und bessere Alphabetisierungsarbeit vor. Die Betroffenen wollen mehr Angebote für erwachsene Lernende und gut qualifizierte Dozentinnen und Dozenten, vor allem aber Mitspracherechte und Einbindung in konzeptionelle wie politische Überlegungen sowie mehr internationale Vernetzung. Als Expertinnen und Experten für Alphabetisierung fordern sie, in der Öffentlichkeit gehört zu werden. Zum Manifest

Monika Tröster vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leipniz- Institut für Lebenslanges Lernen (DIE) e.V. berichtete von den Hintergründen des Projekts Eur-Alpha, als dessen Ergebnis unter anderem das Manifest der Lernenden entstanden ist. Auch sie machte deutlich, wie wichtig die Stärkung der Lernerinnen und Lerner ist.
Über Erfahrungen und Erfolge des Skills for Life Programms in England sprach Dr. Janine Eldred vom National Institute of Adult Continuing Education in Leicester. Ab 2001 hatte die englische Regierung über einen Zeitraum von zehn Jahren 9 Milliarden Pfund (umgerechnet über 11,25 Mrd. Euro) in diese Strategie investiert. 2,5 Millionen Menschen, so das Ziel, sollten in dieser Zeit ihre Literalität um eine Stufe auf der nationalen Skala der Standards verbessern. Tatsächlich konnten mit dem Programm 5,7 Millionen Menschen mit Lernangeboten erreicht werden. Über 25.000 Lehrende waren an der Entwicklung von Qualifikationen und dem Aufbau von Kompetenzen beteiligt. Trotz dieser Anstrengungen bleibt funktionaler Analphabetismus in England ein Thema, das weitere Anstrengungen erfordert. Zum Text und zur Präsentation

Podiumsdiskussion auf dem Weltalphabetisierungstag 2012 [Quelle: PT-DLR]Christine Glanz von UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen stellt in einer Podiumsdiskussion zu den nationalen und internationalen Herausforderungen zur Alphabetisierung heraus, dass es eine spürbare Präsenz von Schriftlichkeit in allen Lebensbereichen gäbe, der Fokus der Bildungspolitik jedoch weiterhin auf der Schule läge. In Deutschland habe sich im Laufe der UN-Dekade einiges getan, zeigte sich Klaus Weber vom Bundesinstitut für Berufsbildung überzeugt, auch wenn Analphabetismus nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft sei. Analphabetismus als Problem sei zwar in der Wissenschaft erkannt worden, die Länder würden jedoch nicht in ausreichendem Maße auf diese Herausforderung reagieren, so Karin Witzan vom baden-württembergischen Kultusministerium. Auch die Wirtschaft und ihre Interessenvertretungen hätten trotz des drohenden Fachkräftemangels das Thema noch nicht für sich erkannt. Dies gelte auch für Europa, so Dr. Katarina Popovic von der European Association for the Education of Adults. In den Papieren der EU-Kommission finde sich Analphabetismus in Europa trotz rund 80 Millionen Betroffener allenfalls am Rande, auch wenn in Ländern wie Serbien die Analphabetismusrate bei 45% läge. Daran ändere auch der am 5. September 2012 auf Zypern vorgestellte Report der High Level Expert Group nichts, stellte Prof. Dr. Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg fest. Umso wichtiger sei es, dass Lernende in die Diskussionen in Deutschland und Europa einbezogen würden, sagte Tim-Thilo Fellmer, ehemaliger Lernender und heutiger Buchautor, um den Betroffenen eine Stimme zu geben.

Dr. Thomas Greiner vom Bundesministerium für Bildung und Forschung betonte, die Verantwortung der Bundesregierung für Alphabetisierung und Grundbildung höre mit dem Ende der UN-Weltalphabetisierungsdekade nicht auf. Das Ministerium habe daher bereits im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz zu einer gemeinsamen Nationalen Strategie aufgerufen und inzwischen weitere Akteure für eine Beteiligung gewonnen. Mit einer breit angelegten Öffentlichkeitskampagne, die in Kürze starte, werde diese Strategie begleitet. Außerdem hat das BMBF einen neuen Förderschwerpunkt „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ mit einem Fördervolumen von 20 Millionen Euro in den Jahren 2012 bis 2015 aufgelegt. Damit sollten nicht nur die rund 4.3 Millionen erwerbstätigen funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten erreicht werden, auch Arbeitslose sollten durch mehr Lese- und Schreibkompetenzen zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt werden.

Teilnehmende auf Weltalphabetisierungstag 2012 [Quelle: PT-DLR]

Voraussetzung für eine gelingende Alphabetisierungsarbeit ist, Betroffene überhaupt zu erreichen und zum Lernen zu motivieren. Besonders gut gelingt dies Menschen, die selber erst im Erwachsenenalter begonnen haben, richtig Lesen und Schreiben zu lernen. Ihr Beispiel, ihr Mut, über ihren Lernweg zu sprechen, und ihr Erfolg motiviert auch andere, sich auf den Weg des Lernens zu machen. Brigitte van der Felde, die Mitbegründerin der ABC-Zeitung und der Selbsthilfegruppe in Oldenburg, und Uwe Boldt, Mitglied des Alphateams der VHS Hamburg und Pionier im Projekt EUR-Alpha, wurden in diesem Jahr als Botschafterin und Botschafter für Alphabetisierung ausgezeichnet. Mit Jürgen Genuneit wurde außerdem ein „Mann der ersten Stunde“, Gründungsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und langjähriges Vorstandsmitglied, ausgezeichnet.

 




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